Im Rahmen von Betriebsführungen ließ Geschäftsführer Joshua van Dijk (re.) die Entwicklung des Jubiläumsunternehmens Revue passieren. Außerdem erklärte er, dass es der Tausendkraut GmbH nicht um Gewinnmaximierung, sondern um eine ethische Haltung gehe, die in der Idee des Unternehmens steckt. Trotz des Hitzerekords waren an diesem Tag viele Interessenten gekommen, darunter auch Bürgermeister Markus Haas und Ortsvorsteher Ulrich Schaffer, um 20 Jahre Tausendkraut zu feiern. (Foto: Hofherr)
20 Jahre Tausendkraut – Wie aus einer kleinen Idee eine Bio-Manufaktur mit Haltung wurde
Oberdielbach.
Seit 20 Jahren steht die Tausendkraut GmbH aus Waldbrunn im Odenwald für Naturprodukte mit Herkunft, Handwerk und klarer Haltung. Was 2006 als kleine Idee rund um Jiaogulan begann, hat sich Schritt für Schritt zu einer Bio-Manufaktur im Odenwald entwickelt, die heute Kräuter, Tees, Superfoods, Naturkosmetik und Nahrungsergänzungen vertreibt. Die offizielle Professionalisierung folgte 2009 mit der Gründung der GmbH und dem Ausbau des Online-Handels.
Heute verkauft das Familienunternehmen über den eigenen Shop und weitere Plattformen wie Amazon oder Shop-Apotheke. Trotz des digitalen Vertriebs bleibt der Kern des Unternehmens handwerklich geprägt: persönliche Verantwortung, sorgfältige Auswahl der Rohstoffe und ein enger Bezug zu den Menschen und Regionen, aus denen die Pflanzen stammen.
Qualität vor Skalierung
Tausendkraut wächst nicht nach dem Muster industrieller Massenproduktion. Das Unternehmen beschäftigt je nach Saison etwa neun bis zehn Mitarbeitende und setzt bei vielen Produkten weiterhin auf manuelle Abfüllung. Der Grund liegt in der Natur der Rohstoffe selbst. Pflanzenprodukte wie Hagebuttenpulver verändern sich je nach Ernte, Trocknung und Konsistenz, wodurch Maschinen an ihre Grenzen stoßen können.
Statt auf maximale Automatisierung setzt das Unternehmen auf Rückverfolgbarkeit und Kontrolle. Jede Charge wird dokumentiert, laborgeprüft und nach Bio-Standards bewertet. Gerade bei Naturprodukten ist diese Genauigkeit entscheidend, weil Qualität nicht nur am Endprodukt hängt, sondern an der gesamten Kette vom Anbau bis zur Abfüllung.
Produktion zwischen Wachstum und Realität
Der Neubau der Produktionsinfrastruktur wurde durch die Pandemie deutlich teurer als geplant. Trotzdem lag der Fokus nie auf Prestige, sondern auf Funktionalität und Hygiene. Schleusen, Schutzkleidung, Laborbereiche und Abläufe nach Lebensmittelhygieneverordnung bilden die Grundlage für eine moderne und zugleich praxisnahe Produktion.
Diese Form des Wachstums zeigt auch die wirtschaftliche Realität im Bio-Sektor. Naturprodukte lassen sich nicht beliebig skalieren, ohne ihre Identität zu verlieren. Wer mit Kleinbauern, Wildsammlung und biologischen Rohstoffen arbeitet, muss Erntezyklen, regionale Unterschiede und Rohstoffverfügbarkeiten akzeptieren. Gerade darin liegt aber auch die Stärke von Tausendkraut: Qualität wird nicht behauptet, sondern organisiert.
Lieferketten mit Verantwortung
Das Unternehmen arbeitet mit einem Netzwerk aus Kleinbauern und Partnern in China, Indien, Südamerika und weiteren Regionen zusammen. Besonders deutlich wird dieser Ansatz im Amazonas, wo Tausendkraut nicht nur Rohstoffe bezieht, sondern auch soziale Verantwortung übernimmt. Dort werden teils bewusst größere Mengen abgenommen, als kurzfristig benötigt würden, um den Menschen vor Ort ein Einkommen zu sichern und Alternativen zu illegalen oder zerstörerischen Wirtschaftsformen zu schaffen. So erwirtschaften inzwischen über 50 indigene Familien ein sicheres Einkommen, indem sie Guayusa-Blätter ernten.
Dieses ethische Verständnis von Ökonomie zieht sich durch das gesamte Unternehmen. Bio-Standards, Laboranalysen auf Pestizide und Schwermetalle sowie transparente Herkunft sind keine Marketingbegriffe, sondern Teil des Selbstverständnisses. Das gilt für Jiaogulan, Artemisia, Drachenblut, Guayusa und weitere Produkte ebenso wie für Spezialitäten aus Sibirien, Kreta oder Südamerika.
Produkte mit Geschichte
Das Sortiment von Tausendkraut ist stark von traditionsreichen Pflanzen geprägt. Jiaogulan, das oft als „Kraut der Unsterblichkeit“ bezeichnet wird, bildet einen Ursprung der Unternehmensgeschichte. Dazu kommen Artemisia annua, Guayusa aus dem Amazonas, Drachenblut als pflanzliches Naturprodukt mit besonderer Anwendungsgeschichte, Sangre de Drago sowie weitere Kräuter und Vitalpflanzen.
Auch Chaga aus Sibirien gehört dazu, dessen Import über Zwischenstationen organisiert wird. Selbst unter schwierigen politischen und logistischen Bedingungen bleibt die Bio-Zertifizierung ein zentrales Kriterium. Das zeigt, wie eng bei Tausendkraut Naturprodukt, Herkunft und regulatorische Realität miteinander verbunden sind.
Cocayusa und die Suche nach einer neuen Getränkekategorie
Besonders spannend ist die Entwicklung einer neuen Cola-Alternative auf Basis von Guayusa und entkokainisierten Coca-Blättern. Unter dem Projektnamen Cocayusa soll ein Getränk entstehen, das sich klar von klassischen Energydrinks und herkömmlichen Colas unterscheidet. Ziel ist nicht nur ein neues Produkt, sondern auch ein neues wirtschaftliches Modell.
Die Idee dahinter ist ambitioniert: Bauern in Kolumbien und Ecuador sollen eine legale Einkommensalternative erhalten, die den Druck des illegalen Kokainmarktes verringern kann. Dazu arbeitet das Unternehmen an einer Kooperation mit einem kanadischen Pharmakonzern für den Extrakt und an einer Rezepturentwicklung mit einem erfahrenen Partner aus der Getränkebranche.
Die Rezeptur soll kurzfristig fertiggestellt werden, um anschließend Produktionspartner zu suchen. Ein schneller Marktstart wäre theoretisch möglich, realistischer erscheint jedoch ein Launch in den kommenden Jahren. Das Projekt zeigt, wie Tausendkraut Innovation nicht nur als Produktidee versteht, sondern als Verbindung von Landwirtschaft, Ethik und Marktstrategie.
Zwischen EU-Regeln und Konsumverhalten
Die Vermarktung von Naturprodukten ist heute stark durch EU-Vorgaben eingeschränkt. Für Anbieter wie Tausendkraut bedeutet das, dass sie ihre Produkte mit Zurückhaltung und Sorgfalt kommunizieren müssen. Heilversprechen sind im Online-Handel nicht erlaubt, obwohl viele Kunden gerade wegen traditioneller Anwendungen und pflanzlicher Eigenschaften Interesse zeigen.
Hinzu kommt ein verändertes Kaufverhalten. Steigende Kosten für Energie, Miete und Versicherung machen es für viele Familien schwerer, im Fachhandel einzukaufen. Auch im Bio-Bereich entscheiden sich manche Verbraucher deshalb für günstigere Angebote aus dem Discount. Tausendkraut begegnet dieser Realität mit einem klaren Fokus auf Qualität, Herkunft und fairen Strukturen, auch wenn sich Naturprodukte nicht immer über den Preis erklären lassen.
Ein Unternehmen mit Seele und Zukunft
Tausendkraut ist heute mehr als ein Shop für Kräuter und Superfoods. Die Firma steht für eine gewachsene Verbindung aus Manufaktur, Bio-Standards, internationaler Zusammenarbeit und unternehmerischem Idealismus. Vom Odenwald bis in den Amazonas zieht sich eine Linie, die Handwerk, Umweltbewusstsein und soziale Verantwortung miteinander verbindet.
Nach 20 Jahren bleibt die Grundidee unverändert: Naturprodukte sollen nicht anonym und beliebig sein, sondern ehrlich, nachvollziehbar und sinnvoll. Genau darin liegt die besondere Stärke von Tausendkraut.
