Flüchtlingen auch heute ein Zuhause geben

Zukunft mit Heimweh – Erinnerungen kamen zurück

Waldbrunn. (ek) Zum vierten Mal wurde die Gemeindebücherei Winterhauchschule in Waldbrunn zum Ort einer Buchvorstellung, zum zweiten Mal mit einer Literatur über die Vertreibungen nach dem zweiten Weltkrieg. Eine große Leinwand ermöglichte dem Publikum, das Gehörte sichtbar zu verfolgen, und mit Bildern, Landkarten und Grafiken zum Teil bekannte Personen auf den Bildern wieder zu erkennen. Viele Interessierte und Betroffene kamen in die Räume der Gemeindebücherei, um den Ausführungen von Michael Ihrig aus Strümpfelbrunn zu folgen.

„Zukunft mit Heimweh“ heißt der Titel des Buches zu dem Ihrig gekonnt referierte. Das Buch beschreibt und dokumentiert die Vertreibungen der deutschen Bevölkerung aus Gebieten östlich der Oder-Neiße-Grenze und aus südosteuropäischen Territorien. Michael Ihrig konzentrierte sich dabei besonders auf die Flüchtlinge, die aus Ungarn, insbesondere der Stadt Agfalva/Agendorf, nach Waldbrunn, Buchen und Mosbach kamen.

Selbst am Entstehen des Buchs beteiligt, konnte der junge Waldbrunner einfühlsam von geschichtlichen Fakten und Daten berichten. Er verstand es aber auch die Fragen und Anregungen der Anwesenden aufzunehmen. Dadurch ergab sich eine lebhafte Gesprächsrunde, die dem Abend einen besonderen Reiz verlieh. Viele Anwesende verspürten Wehmut und die nach wie vor vorhandene Verbundenheit mit der alten Heimat.

Jahre später wurde eine Partnerschaft der Gemeinde Waldbrunn mit der alten Heimat in Kobersdorf ins Leben gerufen, die auch heute noch viele gegenseitige Besuche ermöglicht.

Es wurde schmerzlich bewusst, was es bedeutet, ohne große Vorbereitung überraschend Haus und Hof verlassen zu müssen. Auch die Konfrontation mit der Entscheidung, was zurückgelassen werden muss, wurde am Lesungsabend lebendig. Vieles musste zurückgelassen werden, da es für den Transport zu sperrig oder zu schwer war. Das Wichtigste waren die Lebensmittel, die ein Überleben auf der langen Reise ermöglichten. Dabei blieb nur wenig Raum für andere Lieblingstücke.

Nach einer langen Fahrt mit der Bahn oder anderen Transportmitteln wurden die Menschen nach ihrer Ankunft in Neckarzimmern schon bald in einzelnen Orten auf dem Winterhauch aufgeteilt. Bei Familien, die selbst durch den Krieg gezeichnet waren, wurden sie oft widerwillig aufgenommen. Erst einige Jahre später konnten sich die Menschen in den Dörfern rund um den Katzenbuckel, der späteren Gemeinde Waldbrunn ein neues Zuhause schaffen.

Michael Ihrig ging in seinem Vortrag auch auf die strukturelle Veränderung ein, die durch die Zuwanderung nach dem Weltkrieg für kleine Gemeinden bedeutete. Plötzlich sah man sich vor die Aufgabe gestellt, fremde Menschen aufzunehmen und zu integrieren.

Auch heute kommen viele Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland, um ein ähnliches Schicksal hinter sich zu lassen, wie es im Buch beschrieben wurde. Michael Ihrig forderte die Zuhörer daher dazu auf, den Menschen, die momentan zu uns kommen eine Chance zu gehen, ein neues Zuhause zu finden.

Am Ende stellte sich die Frage, was für jeden ganz persönlich „Heimat“ bedeutet? Die Antworten und die Deutung von Heimat waren dabei sehr differenziert: Heimat ist nicht gleichzeitig auch der Ort, an dem ich lebe. Selbst Jahrzehnte nach der Flucht aus der alten, gewohnten Heimat, bleibt bei vielen Betroffenen ein Gefühl des Verlustes und Heimweh.

Auch wenn man sich sich in der neuen Umgebung ein neues schönes Zuhause geschaffen habe.

„Heimat ist dort wo ich geboren wurde, mein Zuhause ist hier“, sagte eine Besucherin. Eine andere: „Das Heimweh dauert immer noch an, obwohl ich mit zehn Jahren aus meiner Heimat vertrieben wurde“.

Es war ein Abend mit viel Gesprächsbereitschaft. Das Büchereiteam dankte am Ende Michael Ihrig für seinen engagierten und einfühlsamen Vortrag und wünscht sich für die Zukunft viele solcher interessanten Abende.

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(Foto: privat)


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